Waffenverbotszone schaffen keine Sicherheit!

Stell dir vor: Es ist Freitag, und wir waren einkaufen im Sophienhof. Weil das Wetter ausnahmsweise trocken ist und vielleicht sogar die Sonne scheint, gehen wir zu Fuß nach Hause – über den Bahnhofsplatz, die Hörnbrücke, zwischen den Touristen mit laut scheppernden Rollkoffern und kreischenden Möwen hindurch. Schon zu Beginn fallen uns die kleinen gelben Schilder auf, auf denen durchgestrichene Messer zu sehen sind: Sie markieren die Waffenverbotszone. Und die zieht sich entlang unseres Heimwegs. Vom Bahnhof über die Hörn bis ins Zentrum unseres Viertels, zum Vinetaplatz. 

Seit April 2026 sind die neuen Waffenverbotszonen in Kiel in Kraft. Neben dem Gebiet an der Kaistraße und am Hauptbahnhof fällt darunter auch der Bereich rund um den Vinetaplatz in Gaarden. Als Grundlagen für diese Einstufung nutzt die Stadt Kiel eine „höhere Anzahl an relevanten Straftaten“, die in den Bereichen zu verzeichnen seien sowie eine „Einschätzung“ der Polizeidirektion Kiel. Was die Polizei darin wie einschätzt, können wir nicht mit Gewissheit sagen, aber die Konsequenzen sehen wir jeden Tag deutlich: Es wurden mehrere Waffenverbotszonen zum vermeintlichen „Schutz der öffentlichen Sicherheit“ geschaffen. Dies bedeutet in die polizeiliche Praxis übersetzt, dass es ihr hier nun erlaubt ist, verdachtsunabhängige Kontrollen und Durchsuchungen vorzunehmen. 

Die Einkäufe sind während des Heimwegs immer schwerer geworden, und als wir aus der dunklen Unterführung auf den Vinetaplatz treten blendet uns die Sonne. Deswegen bemerken wir die zwei Polizisten nicht sofort, bis sie uns ansprechen. Eine verdachtsunabhängige Kontrolle wollen sie durchführen. „Haben Sie gefährliche Waffen dabei?“ Wir stellen die Einkäufe ab, die Finger plötzlich kalt und mit einem dumpfen Herzklopfen in der Brust. Einer von uns ist Handwerker, wenn er von der Arbeit kommt hat er in seiner Hosentasche Messer verstaut. Als Frau ist es Teil unseres Alltags, ein Pfefferspray einzustecken bevor wir die Wohnung verlassen. Und als rassifizierte Person ist der Kontakt mit Polizisten grundsätzlich gefährlich. 

Die Kontrolle bleibt zwar folgenlos, aber wir werden den schalen Geschmack der Angst auf dem restlichen Heimweg nicht mehr los. An seinem Zuhause willkürlich durchsucht und verdächtigt zu werden ist nicht nur demütigend, sondern verschärft das Gefühl von Unsicherheit. 

Der gesamte Stadtteil Gaarden gilt bereits seit knapp einem Jahrzehnt als „gefährlicher Ort“. Diese stigmatisierende Kennzeichnung erlaubte es der Polizei auch schon vorher, solche willkürlichen Kontrollen und Durchsuchungen durchzuführen. Mit der Waffenverbotszone werden nun noch verschärfende Grundlagen geschaffen, um der Polizei weitere Mittel zu geben, uns Gaardener:innen das Leben zur Hölle zu machen, wenn es den politischen oder ihren eigenen Interessen dient. Dabei ist das ein sich selbst erhaltendes System: Durch mehr Kontrollen steigen die Kriminalitätszahlen, womit sich weitere Maßnahmen begründen lassen. Darauf folgt eine zunehmende Stigmatisierung Gaardens, in der KN erscheinen reißerische Artikel über den „Brennpunkt“ Kiels und diese Stimmung führt schließlich zu weiterer Spaltung im Viertel. Beispiele aus Städten wie Hamburg und Bremen, die schon länger Verbotszonen eingerichtet haben, zeigen übrigens keinen positiven Effekt: hier lässt sich ein Anstieg der Straftaten verzeichnen. Anwohnende empfinden die Maßnahmen als reine Symbolpolitik und als „subjektiv wirkungslos“. Für die Repressionsorgane ist der positive Effekt daran zu messen, dass mehr Waffen sichergestellt werden, dabei ist das ein Symptom, nicht die Ursache der Krise. 

Das hat sich vor wenigen Wochen erneut bestätigt. Die Polizei Kiel startete am Hauptbahnhof und in Gaarden groß angelegte Kontrollen, mit Unterstützung des KODs, sowie Landes- und Bundespolizei. Dabei wurden in Gaarden 170 Menschen und 19 Lokale kontrolliert. Dabei werfen die Ergebnisse tatsächliche Fragen nach Verhältnis- und Rechtsmäßigkeit auf. Die Kontrollen ergaben keine nennenswerten Drogenfunde und es wurden 2 Messer und ein 1 Pfefferspray an Personen sichergestellt. Der große Coup kann das nicht gewesen sein.

Eine Sache bereitet uns zudem auch große Sorgen. Während der Maßnahme wurden sechs Personen auf Grund aufenthaltsrechtlicher Verstöße festgenommen und noch am selben Abend zum Landesamt für Zuwanderung und Flüchtlinge gebracht. Hier zeigt sich, was Sicherheit für die Polizei bedeutet: leichter Großkontrollen durchführen zu können, zu schikanieren und Menschen abzuschieben. So können sie behaupten, etwas getan zu haben – an den echten Problemen ändert das aber nichts.

Auf unserem Heimweg begegnen wir Lena, die uns nach Kleingeld fragt. Sie erzählt, dass sie eine Wunde am Bein hat, die einfach nicht verheilen will. Wie auch, wenn man kein festes Zuhause hat, und tagtäglich der Gewalt auf der Straße ausgesetzt ist? Eine Ecke weiter wird im Hauseingang Crack geraucht, und im Hinterhof am Ende der Straße wird lautstark gestritten. Niemand, der in Gaarden lebt, denkt dass Gewalt bei uns kein Problem ist. Die Schilder werden daran nichts ändern, und die Schikane, die wir auf unserem Heimweg erlebt haben hat unser Sicherheitsgefühl wirklich kein bisschen erhöht. Die Gefahr, in Gaarden zu leben, ist einfach nur eine zugespitzte Version der Gefahr, im Kapitalismus zu leben. 

Die Grundlage des Kapitalismus ist es, den Menschen, seine Arbeit, seine sozialen Beziehungen, die Natur und alles, was sich irgendwie verkaufen lässt, zur Ware zu machen. Durch Ausbeutung, Unterwerfung und Konkurrenz wird unvorstellbarer Reichtum für die Wenigen geschaffen, und gleichzeitig Unsicherheit, Armut und Elend für die überwiegende Mehrheit. Die Gewalt, mit der die Mehrheit in abhängige Arbeitsverhältnisse gezwungen wird, um das eigene Überleben zu sichern, unterscheidet sich dabei vor allem in der staatlichen Sanktionierung von der Gewalt, die in unseren Wohnungen, Nachbarschaften und Straßen stattfindet. 

Wenn wir zuhause ankommen, die Einkäufe in der Küche abstellen und uns einen Tee aufsetzen, können wir kurz durchatmen. Wie schön wäre es, zu wissen dass Lena morgen zu einer Poliklinik gehen kann, untersucht und behandelt wird, sie zur Wundkontrolle gehen kann bis ihr Bein verheilt ist? Die zwei, die Crack rauchen, werden von Sozialarbeitern auf dem Weg in den Entzug begleitet. Die leerstehenden Häuser in unserer Nachbarschaft werden gemeinsam renoviert, sodass niemand mehr zu acht in einer Dreizimmerwohnung leben muss. Wir müssen nach einem langen Arbeitstag nicht auch noch kochen, putzen und abwaschen, sondern treffen uns mit unseren Nachbarn um gemeinsam zu essen – gekocht wird abwechselnd. Wenn ein Brief kommt, haben wir keine Angst mehr ihn aufzumachen und einen Ablehnungsbescheid zu kriegen. Wir gehen arbeiten, um unsere Geminschaft zu versorgen und voranzubringen, nicht um Profite für die da Oben zu erwirtschaften – wir brauchen also auch keine Angst zu haben, dass der Chef uns kündigt. Der Tee ist fertig, manche mögen ihn süß, andere so bitter, dass es einem dem Mund zusammenzieht. Uns ist klar, dass Sicherheit ein wichtiges Thema für unser Viertel ist, aber Sicherheit ist nicht nur Abwesenheit von Gefahr und Übergriffen. Sicherheit ist ein Konzept, das alle Lebensbereiche betrifft. Statt Gewalt untereinander brauchen wir Solidarität im Viertel und eine Nachbarschaft, die sich umeinander kümmert. Am allerwenigsten brauchen wir aber das, was wir auf unserem Heimweg erlebt haben: Waffenverbotszonen, Verdrängung und grundsätzlich mehr Kontrolle und Repressionen.